Italien

Ein Stiefel als Schatztruhe
Schon die alten Griechen gaben Italien bezeichnenderweise den Namen „Oinotria“, Land der Weinrebe. Vom Aostatal bis Apulien, vom Piemont bis Pantelleria, der kleinen Vulkaninsel, die Tunesien näher liegt als Sizilien: In jeder der 20 Regionen Italiens findet Weinbau statt. Italien ist damit das wohl vielseitigste und heterogenste Weinland überhaupt und ist zudem eine Fundgrube für autochthone Rebsorten. Ob Favorita, Ribolla Gialla oder Verdicchio bei den Weißen, ob Lagrein, Refosco oder Negramaro bei den Roten – die Liste dieser wertvollen einheimischen, oft sogar antiken Trauben ließe sich noch lange weiterführen. Sie sind ein Fels in einer Brandung, die von einem Weltmeer uniformer Massenweine überflutet zu werden droht.
Wenn man das bei diesem Thema so sagen kann, dann haben die Italiener im Vergleich zu den Franzosen ein eher nüchternes Verhältnis zum Wein. Man muss nicht groß über ihn philosophieren, er ist halt da und man trinkt ihn einfach. Der Wein ist seit der Römerzeit zu einem kaum hinterfragten, selbstverständlichen Begleiter des alltäglichen Lebens geworden.
Das Image des italienischen Weins scheint trotz einiger besonders „kreativer“ Erzeuger und einigen Skandälchen in den letzten Jahren ein rundum positives zu sein. Schüttet man den Stiefel aus, ist für jeden etwas dabei: Günstiges und Zuverlässiges für Einsteiger ebenso wie teure Kultweine.
Nach Jahren, in denen viele Winzer die Zukunft in internationalen Traubensorten wie Merlot und Cabernet Sauvignon sahen, scheint sich eine Rückbesinnung auf die einheimischen Traditionssorten durchzusetzen und mit ihr ein anspruchsvolleres Verhältnis zur Identität der Weine. Das Italien von heute ist Lichtjahre von den 80ern entfernt, in denen noch schlichte, bestenfalls solide gemachte Weine den Markt beherrschten. So findet die schon sinnbildliche Fiasco-Flasche des Chianti mittlerweile nur noch als Dekorationsutensil in rustikalen Trattorien Verwendung und deutet zugleich auf einen weiteren Trumpf des italienischen Weines: bei ihm kommen angenehme Nebenwirkungen dazu und man findet als „Bonustrack“ noch schöne Urlaubserinnerungen und es sammelt sich mit dem Wein eine ganze Lebensart im Glas.


